Schockiert es mich? Ja! Wundert es mich? Nein!

von Pfarrer Hans Spiegl, Mistelbach / Österreich

26.03.2015

aus dem Podcast „Tagebuch eines Pfarrers"

Liebe Zuhörer im Internet!

seien Sie mir ganz, ganz herzlich willkommen geheißen. Hier ist Ihr Pfarrer Hans Spiegl, evangelischer Pfarrer in Mistelbach.

(...)

Ich bin jetzt fast 30 Jahre Pfarrer. Und das finde ich immer so total genial. Es geschehen so viele wunderbarste, tolle Dinge, pausenlos. Und das ist das tollste an meinem Beruf, daß ich das immer mit unglaublichem Staunen beobachten kann.

Sie warten natürlich auf was anderes. Heute ist also die Nachricht gekommen, daß das Germanwings-Flugzeug vom Co-Piloten offenkundig absichtlich zerstört wurde, zum Absturz gebracht wurde. Er hat Selbstmord begangen. Erweiterten Selbstmord, so heißt das. Deswegen der Titel diese Podcasts, ganz einfach und ganz klar. Schockiert es mich? Ja! Ich finds furchtbar. Ich war völlig fertig, als ich das gehört hab. Es schockiert mich total.

Wundert es mich? Nach 30 Jahren Pfarrer sein: nein. Tut mir leid, kann ich nicht anders sagen. Nein.

Erweiterter Selbstmord kommt immer wieder vor. Sehr auffällig, wenns Frauen tun, weil die nehmen dann immer ihre Kinder mit. Männer machens anders, im Schnitt, Männer machen einen Amoklauf, der immer mit dem Tod endet. Im Amerikanischen gibt es sogar den Begriff „Suicide by Cops", also der Selbstmord durch Polizisten, daß man sich also dermaßen aufführt, auf Cops schießt, einfach völlig ungedeckt da steht, daß man weiß, die werden einen erschießen. Gibts. Ja. Gibts. Furchtbar. Alles miterlebt.

Fragen Sie nicht, wie viele Autounfälle keine Unfälle sind, sondern erweiterte Selbstmorde. Erweitert in dem Sinne, jetzt fahr ich gegen die Wand, und hab aber die Frau, den Mann drinsitzen, der mich verlassen will. Kommt vor. Wird nie laut gesagt.

Jetzt natürlich: furchtbar. Das war kein Auto, das war ein ganzes Flugzeug. Gibt es, gibts. Es ist im Menschen drinnen, daß er verzweifelt, daß er jegliche Lebensfreude verliert, daß er dann nicht einfach sagt, „So, ich geh jetzt zum lieben Gott", sondern „Und ich nehm noch möglichst viele mit. Ich werds Euch zeigen!". Gibt's immer wieder.

Jetzt ist es offenkundig geworden. Es ist einfach grauenvoll.

Es gibt jetzt genau eine Sache, die wir tun können. Zunächst einmal kannst einfach nur hingehen und jedes blöde Fragen lassen. Schau Dir jetzt nicht noch eine Sondersendung im Fernsehen an. Lass es ganz einfach. Denn es wird dann nur einfach wieder Schuld gesucht. Hätte man nicht diese depperte Cockpittür nochmal anders sichern können, oder was und wie, und sind es jetzt doch nicht Terroristen, und was ist, wenn der Terrorist schon drin ist, und ich weiß nicht was noch alles, und könnte man nicht nochmal eine Sicherheitsvorkehrung machen, und könnte es nicht so sein, wenn in Zukunft einer aus dem Cockpit raus geht, um pinkeln zu gehen, daß dann ein Flugbegleiter, eine Flugbegleiterin sich da rein setzen muß, und ich weiß noch was.

Kann man. Es wird vielleicht etwas verhindern, aber es wird es nicht abstellen.

Es ist leider so im Menschen. Das es eine Möglichkeit ist. Und das Erschreckende ist: Diese Möglichkeit ist in jedem von uns.

Was bleibt, ist: der gute Umgang mit den Hinterbliebenen. Und ich möchte das jetzt ganz klar sagen: Hinterbliebene sind nicht nur die Eltern, Ehepartner, Kinder, Freunde derer, die in diesem erweiterten Selbstmord umgebracht wurden, sondern das sind auch die Eltern, bitte, des Täters. Man soll so was einfach nicht tun. Weil so was unglaubliche Verletzungen, und über Generationen gehende Verletzungen und Wunden und Narben und Furchtbarkeiten nach sich zieht.

Wenn es aber geschieht, dann brauchen die, die jetzt verletzt sind, alles, was wir ihnen geben können. Als Christen fordern wir nicht, daß alle Menschen gut sind. Wir wissen einfach, daß die Möglichkeit, das Leben zu verneinen, in jedem Geschöpf schlummert. Auch in uns selber.

Wir als Christen tun, wenn wir Christen sind, wenn wir den Heiligen Geist in uns haben, wenn uns die Gnade gegeben ist, alles nur mögliche, das Leben, zu schützen und zu fördern. Da hat jeder ein Anrecht drauf. Und auch wenn jemand mit einem Täter verwandt ist, dann hat er auch ein Recht darauf, als Mensch behandelt zu werden.

Wir werden das absolute Grauen unter den Menschen niemals ganz verhindern können. Wir können, Schritt für Schritt, einen Umgang wählen, der immer weniger Menschen kaputt macht, so daß sie sowas tun. Wir können sehr, sehr aufmerksam sein, und sagen, „Was ist mit Ihnen los?". Aber alles, was wir Christen an Handeln beginnen, muß bei uns Christen immer mit Glauben und mit Gebet beginnen. Mit dem Gebet für die Angehörigen, für die Menschen. Für alle, die jetzt unter diesem furchtbaren Verbrechen leiden. Das sind auch wir selbst. Damit wir nicht den Mut verlieren, gute Christen zu sein. Leben deutlich zu machen. Leben zu fördern und zu schützen, wo immer wir sind. Und ganz ehrlich gesagt: an allererster Stelle unser eigenes. Indem wir uns der Gnade Gottes öffnen, und dadurch begnadete Menschen werden.

Der Herr segne und behüte jene, die jetzt am meisten leiden. Er gebe ihnen wiederum Lebenskraft. Und er behüte unser aller Seelen vor der unfaßbaren Dunkelheit, die uns allen lauert, daß wir einmal hingehen könnten und allen Ernstes Leben beenden. Es segne und behüte uns, alle, der allmächtige und barmherzige Gott.

Für alle, die noch tiefer einsteigen wollen, hier zwei weiterführende Links
1) Der erweiterte Selbstmord als religiöses Phänomen
2) Comment: When Germanwings fails, Germany fails